Zitat der Woche
Montag, 15. Juni 2009
August von Platen
Ich machte diesen Morgen eine sehr unangenehme Bemerkung. Ich war nämlich im Quartiere Schönbrunns, um ihn zu besuchen, weil er noch zu Bette liegt, wegen seiner Verwundung. Sein Gespräch zeigte mir zu klar, daß er etwas gelesen hat im vorigen Hefte dieser Blätter.
Er wollte […] durchaus nicht bekennen, daß mein Tagebuch in seine Hände gefallen wäre. Doch ich weiß, daß er ein Lügner ist, und er sagte mir einen Umstand, welchen niemand weiß, als ich. Seine Unbescheidenheit beleidigte mich in der That. Besonders erzählte er mir den Inhalt der ersten Seiten meines vorigen Buchs, und ich bin gewiß, daß er sie ganz gelesen hat. Leider enthalten sie etwas von B., und ich würde in der That zu beklagen sein, wenn er diese Zeilen gefunden und einigermaßen verstanden hätte. Er würde es nicht bei sich behalten, jedermann würde es erfahren. Deswegen schreibe ich nun immer englisch. Obgleich mein englischer Stil sehr schlecht ist, so ziehe ich ihn doch der Ehre vor, durch andere gelesen zu werden. Nichts könnte mich mehr verstimmt machen, als wenn meine Neigung zu B. laut würde. Die Eigenschaften meines Herzens gehören nur mir zu. […]
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Mittwoch, 10. Juni 2009
Alma Mahler-Werfel
[…] Brief von Else. – Beantwortete ihn heute. Sie lechzt nach einem Menschen, dem sie ihr Herz ausschütten könne, denn sie findet, schreiben kann man nicht, was man fühlt – nur sprechen – sagen. Ich pries ihr heute das Tagebuch warm an.
Ich schrieb:
Schau, es kommen die Stürme des Lebens, brausen hinweg über kleine Begebenheiten – und sie sind vergessen, verweht. Und oft gerade diese kleinen Erinnerungen sind so schön.
Und es ist wahr, ich suche immer noch nach kleinen Erinnerungen, um sie hier einzuschreiben und nie zu vergessen. Ich schrieb ihr auch, dass kein Mensch besser zu trösten weiß, wie das Tagebuch. Bin ich einmal recht traurig, setze ich mich her, schreibe und weine zugleich, schreibe so lange an meinem Kummer, bis die Thränen versiegt und ich wieder ganz guter Dinge.
Wie oft war das schon. –
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Dienstag, 02. Juni 2009
Jan Seghers
Eine Mail von Alex: „… bitte benutze in deinem Tagebuch doch meinen wirklichen Namen, ob das geht?!“ – Aus der Antwort: „Es ist ein dauernder Balanceakt und kann ja leicht auch indiskret werden, das öffentliche Führen eines Tagebuchs. Und manchmal wache ich schwitzend auf und sehe alle, die ich dort je genannt habe, vor meinem Bett versammelt, die Köpfe und Zeigefinger schüttelnd und mir verbietend, sie je überhaupt wieder zu nennen. Umso entlastender, dass Du so unbefangen damit umgehst - also künftig: Alex.“
[…]
1882 stirbt Garibaldi. Hingerichtet werden 1948 nach dem Todesurteil im Nürnberger Ärzteprozess die drei Kriegsverbrecher Karl Brandt, Viktor Brack und Wolfram Sievers. Am 2.Juni 1967 wird der Student Benno Ohnesorg von dem Polizisten Karl-Heinz Kurras durch einen Schuss in den Hinterkopf getötet. Kurras, zunächst freigesprochen, wird in einem zweiten Prozess zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt, das er aber bereits nach einer viermonatigen Haft wieder verlassen darf. 1975 tritt er erneut in den Polizeidienst ein und bezieht ab 1987 Pension.
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Freitag, 29. Mai 2009
docbuelle
Ziemlich leicht ist es natürlich, wenn eine Kleinigkeit passiert, die aus dem Alltag ein wenig herausragt und zugleich die Worte präsent sind, die mühelos diese Begebenheit zu einem in sich geschlossenen Beitrag machen. Das sind die Geschichten, die mir am besten gefallen, die ich eigentlich für mich selbst aufschreibe, mit Lust und mit Freude daran, wie einer, der ein Blech voller selbstgebackener Plätzchen aus dem Ofen zieht und sich an seinem kurzlebigen Werk delektiert.
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Donnerstag, 21. Mai 2009
Don Alphonso
Jeder Blogeintrag ist erst mal ein Stück weisses Papier. Es könnte ein Roman werden, ein gedicht, ein Stück politische Agenda, Eintreten für die Rechte anderer und ein Einblick in die eigene Lebenswelt, den andere nie haben werden. Er könnte Software bekannt machen, die Menschen hilft, oder einfach nur Ausdruck der eigenen Persönlochkeit, direkt, ehrlich und radikal, wie es nur das Internet vermag. Oder belanglos, eitel, überheblich, dumm, affektiert. Da geht so einiges.
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Samstag, 16. Mai 2009
Marie Bashkirtseff
(...) Der Gedanke, daß mein Tagebuch nicht interessant sein wird, die Unmöglichkeit, ihm Interesse zu verleihen, indem ich mit den Überraschungen sparsamer bin, beunruhigen mich. Wenn ich nur in Intervallen schriebe, so könnte ich das vielleicht...aber diese täglichen Aufzeichnungen werden nur vor den Augen irgendeines Denkers, eines großen Beobachters der menschlichen Natur, Gnade finden...Derjenige, welcher nicht die Geduld haben wird, alles zu lesen, wird nichts lesen und vor allen Dingen nichts begreifen können.
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Sonntag, 10. Mai 2009
Christiane Goethe
Hauswirthschaftl. Besorgungen.
Noch immer wegen kalter regenhafter
unfreundlicher Witterung kränklich.
Der Shawl angekommen.
Mittag für uns.
In Belvedere mit Lorzings
Lorzings u. die Riemerin zum Spiel.
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Donnerstag, 30. April 2009
Arthur Schnitzler
Wann wird endlich der Tag kommen, an dem ich in ungetrübt heitrer Laune in diese Blätter schreibe – Aber jetzt! nichts als Klagen; mir selbst ists zuwider – aber das scribiren hab’ ich mir nun einmal angewöhnt und wie so manche schlechte Gewohnheit ists nicht loszubringen. Und dann: Es ist, besonders wenn man müd ist, ein wohltuendes Gefühl, mit wem zu plaudern, der einem nicht widersprechen kann.– Nicht widersprechen? Oho! Pst!–
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Mittwoch, 22. April 2009
Sonja Andrejewna Tolstaja
Blieb allein, habe mich den ganzen Tag bemüht, ohne Grübeln mit mir selbst zurechtzukommen. Jetzt abends ist alles über mir zusammengebrochen. Ich muß weinen und alles ausführlich ins Tagebuch schreiben, obwohl ich viel lieber ihm schriebe, wenn er nur erreichbar wäre. Es gibt nichts zu berichten, alles ist langweilig, leer und tot. [...] Er leidet bestimmt kaum unter unserer Trennung, er weint nicht wie ich. Ich schäme mich meines Alleinseins nicht und schreibe darum kaum mehr Tagebuch, und er hat längst aufgehört, meine Aufzeichnungen nachzulesen. [...]
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Sonntag, 19. April 2009
Marie Bashkirtseff
[…] Was auch aus mir werde, ich vermache mein Tagebuch dem Publikum.
Alle Bücher, welche man liest, sind Erfindungen. Die Situationen darin sind erzwungen, die Charaktere falsch, während das hier die Photographie meines Lebens ist. Ach, werdet ihr sagen, diese Photographie ist langweilig, während die Erfindungen amüsant sind.
Wenn ihr das behauptet, werdet ihr mir eine schlechte Idee von eurer Intelligenz geben; ich biete euch hier, was man noch niemals gesehen hat. Alle Memoiren, alle Tagebücher, alle Briefe, die man veröffentlicht, sind die Erfindungen von Schicksalen, um die Welt damit zu täuschen. Ich habe weder eine politische Tat zu verschleiern, noch eine verbrecherische Beziehung zu verheimlichen. Niemand beunruhigt sich darüber, ob ich liebe, ob ich weine oder lache. Meine größte Sorge ist, mich so genau als möglich auszudrücken. Ich mache mir keine Illusionen über meinen Stil und meine Orthographie. Ich schreibe fehlerlos Briefe; aber inmitten dieses Ozeans von Worten lasse ich ohne Zweifel viele Schnitzer entschlüpfen. […]
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