Mittwoch, 26. März 2008
Die zwölf Einzelpräsentationen
Eine Einführung in die Ausstellung, 3. Teil
Von Goethes sparsamen Notizen in die vorgegebenen Tagesfelder eines Schreibkalenders bis zu Kafkas überbordenden Einträgen in seine Oktavhefte, von Klara Schumanns sorgsam geführten Blumentagebuch bis zu Fritz Solmitz Nachricht aus dem KZ auf Zigarettenpapier: in unseren Einzelpräsentationen stellen wir die Werke prominenter Tagbuchschreiber vor. Nicht weil sie prominent sind, sondern weil jeder von ihnen einzigartig mit dem Medium Tagebuch umgegangen ist.Diese Einzelpräsentation werden zum Teil während der Ausstellungszeit ausgetauscht, entweder gegen andere Tagebücher des gleichen Autors oder gegen ein komplett neues Tagebuchwerk.
Station 1: Goethe/Salomé
Goethe nutzte seine Tagebücher nur selten zur Selbstreflexion, über Lebens- und Schaffensprobleme erfährt man wenig. Ab 1797 diktiert er sie Schreibern oder Mitarbeitern. Er führt seine Aufzeichnung in einem Geschäftskalender, der darauf angelegt ist, Einnahmen und Ausgaben zu notieren. Der durch die Vordrucke begrenzte Raum zwingt zur Kürze, und so entwickelt der viel beschäftigte Goethe einen sachlich-nüchternen Chronikalstil.

Die Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas Salomé betrachtete ihre Tagebücher als „offenes Geheimnis“, das es zu studieren galt. Die erhaltenen Exemplare zeigen nachträgliche Unterstreichungen, Randnotizen und Notizen von Freundeshand. Außerdem hat Salomé Einträge ausgerissen und Briefpartnern zukommen lassen. Ausgestellt ist einer von Salomés Goethe=Kalendern. Diese um die Jahrhundertwende produzierten Wandkalender mit spätbiedermeierlichen Idyllen nutzte Salomé in den Jahren um 1900 als Reisetagebücher.
Station2 : Solmitz/Schumann

Von Kindheit an war Clara Schumann im mehrhändigen Tagebuch erprobt. Zuerst hatte sie mit dem Vater, später mit dem Bräutigam gemeinsam Tagebuch geführt. In den beiden letzten Lebensjahren Robert Schumanns, die der gemütskranke Komponist getrennt von seiner Familie in einer Nervenheilanstalt verbrachte, entwickelte sie in dieser Zeit der Sprachlosigkeit eine besondere Tagebuchform. Clara Schumann reduzierte die Texteinträge auf ein Minimum, in dem sie Blumen und Pflanzen trocknete und in das Blumentagebuch einklebte. Leider verstarb Robert Schumann unerwartet, bevor er dieses liebevolle Geschenk entgegen nehmen konnte.

Auf Zigarettenpapierchen dokumentierte Fritz Solmitz, Journalist und SPD-Politiker, die letzten sechs Tage seines Lebens. In Hast und ständiger Angst vor Entdeckung schildert er in Tagesnotizen die Schrecken im KZ Fuhlsbüttel (Hamburg), wo er als einer der ersten politisch Verfolgten des NS-Regimes bereits im März 1933 inhaftiert wurde. Am 19. September wird er in seiner Zelle erhängt aufgefunden – so zumindest die offizielle Verlautbarung. Mit seinen persönlichen Sachen kommt auch seine Taschenuhr in Besitz der Witwe, die darin zwischen Rückendeckel und Uhrwerk die Zigarettenpapierchen eng zusammengefaltet findet.
Station 3: Kafka/Wittek

Was Franz Kafkas Tagebücher interessant macht, ist mehr als ihre enge Verbindung zu seinem schriftstellerischen Werk. Kafka hat die vermeintlich banale Tagesform in den kühnen Experimenten erkundet – von Schreibexzessen, rhythmischen Unterbrechungen bis zu Nulleinträgen. Kafkas Tagebüchern sind weder ein unverfälschter Einblick in seine Psyche noch eine völlig abgehobene Kunstform. Kafka schaut sich selbst beim Schreiben zu – in seinen Tagebüchern wird das Schreibpapier zur Bühne und der enthusiastische Schreiber wird selbst sein erster Leser.

Die Tagebuchkette mit 365 Kettengliedern der Schmuckkünstlerin Viktoria Wittek.
Station 4: Adorno/Schnitzler
Den Großteil seines Lebens hat Theodor W. Adorno regelmäßig Aufzeichnungen geführt, jedoch nur ein Zehntel davon hat privaten Charakter. Darunter sind erinnerte Trauminhalte, die als „Traumprotokolle“ festgehalten sind. Bereits 1942 lässt Adorno drei in einer New Yorker Zeitung veröffentlichen. Sie geben intime Details preis, z.B. wiederkehrende und stark erotisch gefärbte Träume des eigenen Todes. Selten kommen Kommentare vor, die über das reine Festhalten der Träume hinausgehen und lockere Bezüge zum vergangenen Tag oder denkerischen Prozessen herstellen.
Der Arzt und Literat Arthur Schnitzler führte sein Tagebuch über 52 Jahre bis kurz vor seinem Tod nahezu täglich. Er las die Aufzeichnungen immer wieder und wählte verschiedene thematische Auszüge, die er seiner Sekretärin zur Abschrift diktierte. Darunter sind die Träume, die er regelmäßig nach dem Aufwachen notiert hat.
Station 5: Kempowski
In seinem Werk Das Echolot hat Walter Kempowski (1929 – 2007) Auszüge aus biografischen Schriften zusammen mit Fotografien weitgehend unbekannter Personen zu einem kollektiven Tagebuch arrangiert. Zur Sortierung des Materials entwickelte Kempowski aus der individuellen Arbeitslogik heraus ein komplexes Filtersystem in Form von thematisch angelegten Ordnern und Mappen. In den Originalen finden sich handschriftliche Bearbeitungsspuren, die den Weg bis in die Druckfassung erahnen lassen.
Station 6: Zinzendorf
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf nutzt sein eigenes Losungs-Exemplar von 1754 während einer London-Reise für persönliche, stichwortartige Tageseinträge. Diese formuliert er in seinem Special=Diarium aus, das seinen engsten Glaubensbrüdern zugänglich ist und die Grundlage bildet für das handschriftlich vervielfältigte deutsche Diarium des Jüngerhauses sowie das englische London Congregation Diary.
Station 7: Kessler/ Mann
Die Tagebücher Harry Graf Kesslers beeindrucken durch Umfang – sie erstrecken sich ohne größere Unterbrechungen von 1880 bis 1937 und füllen über 10 000 handschriftliche Seiten in 57 Bänden. Je nach jeweils vorrangiger Beschäftigung Kesslers variiert die Gestaltung – während seiner Zeit als Politiker in der Weimarer Republik sind zahlreiche Zeitungsartikel eingeklebt; In den Jahren 1909 bis 1912, als er ein bedeutender Kunstmäzen ist, sind Fotografien ins Tagebuch integriert, sodass das Tagebuch selbst zum (Gesamt-)Kunstwerk wird.

Thomas Mann begann während seiner Schulzeit, Tagebuch zu schreiben und führte es bis zu seinem Lebensende fort. Vollständig überliefert sind die Tagebücher ab dem Frühjahr 1933; die früheren Notizen verbrannte er 1945 bis auf wenige Auszüge. Er benutzte durchgängig dasselbe Heftformat und schrieb die Eintragungen meist abends am Schreibtisch mit Tinte nieder. In den jeweiligen Einträgen stehen Begebenheiten aus dem weltpolitischen Tagesgeschehen unmittelbar neben Befindlichkeiten und alltäglichen Vorkommnissen aus dem privaten Umfeld.
Zwölf - wie die zwölf Monate eines Jahres.
Station 1: Goethe/Salomé
Goethe nutzte seine Tagebücher nur selten zur Selbstreflexion, über Lebens- und Schaffensprobleme erfährt man wenig. Ab 1797 diktiert er sie Schreibern oder Mitarbeitern. Er führt seine Aufzeichnung in einem Geschäftskalender, der darauf angelegt ist, Einnahmen und Ausgaben zu notieren. Der durch die Vordrucke begrenzte Raum zwingt zur Kürze, und so entwickelt der viel beschäftigte Goethe einen sachlich-nüchternen Chronikalstil.

Die Philosophin, Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Lou Andreas Salomé betrachtete ihre Tagebücher als „offenes Geheimnis“, das es zu studieren galt. Die erhaltenen Exemplare zeigen nachträgliche Unterstreichungen, Randnotizen und Notizen von Freundeshand. Außerdem hat Salomé Einträge ausgerissen und Briefpartnern zukommen lassen. Ausgestellt ist einer von Salomés Goethe=Kalendern. Diese um die Jahrhundertwende produzierten Wandkalender mit spätbiedermeierlichen Idyllen nutzte Salomé in den Jahren um 1900 als Reisetagebücher.
Station2 : Solmitz/Schumann

Von Kindheit an war Clara Schumann im mehrhändigen Tagebuch erprobt. Zuerst hatte sie mit dem Vater, später mit dem Bräutigam gemeinsam Tagebuch geführt. In den beiden letzten Lebensjahren Robert Schumanns, die der gemütskranke Komponist getrennt von seiner Familie in einer Nervenheilanstalt verbrachte, entwickelte sie in dieser Zeit der Sprachlosigkeit eine besondere Tagebuchform. Clara Schumann reduzierte die Texteinträge auf ein Minimum, in dem sie Blumen und Pflanzen trocknete und in das Blumentagebuch einklebte. Leider verstarb Robert Schumann unerwartet, bevor er dieses liebevolle Geschenk entgegen nehmen konnte.

Auf Zigarettenpapierchen dokumentierte Fritz Solmitz, Journalist und SPD-Politiker, die letzten sechs Tage seines Lebens. In Hast und ständiger Angst vor Entdeckung schildert er in Tagesnotizen die Schrecken im KZ Fuhlsbüttel (Hamburg), wo er als einer der ersten politisch Verfolgten des NS-Regimes bereits im März 1933 inhaftiert wurde. Am 19. September wird er in seiner Zelle erhängt aufgefunden – so zumindest die offizielle Verlautbarung. Mit seinen persönlichen Sachen kommt auch seine Taschenuhr in Besitz der Witwe, die darin zwischen Rückendeckel und Uhrwerk die Zigarettenpapierchen eng zusammengefaltet findet.
Station 3: Kafka/Wittek

Was Franz Kafkas Tagebücher interessant macht, ist mehr als ihre enge Verbindung zu seinem schriftstellerischen Werk. Kafka hat die vermeintlich banale Tagesform in den kühnen Experimenten erkundet – von Schreibexzessen, rhythmischen Unterbrechungen bis zu Nulleinträgen. Kafkas Tagebüchern sind weder ein unverfälschter Einblick in seine Psyche noch eine völlig abgehobene Kunstform. Kafka schaut sich selbst beim Schreiben zu – in seinen Tagebüchern wird das Schreibpapier zur Bühne und der enthusiastische Schreiber wird selbst sein erster Leser.
Die Tagebuchkette mit 365 Kettengliedern der Schmuckkünstlerin Viktoria Wittek.
Station 4: Adorno/Schnitzler
Den Großteil seines Lebens hat Theodor W. Adorno regelmäßig Aufzeichnungen geführt, jedoch nur ein Zehntel davon hat privaten Charakter. Darunter sind erinnerte Trauminhalte, die als „Traumprotokolle“ festgehalten sind. Bereits 1942 lässt Adorno drei in einer New Yorker Zeitung veröffentlichen. Sie geben intime Details preis, z.B. wiederkehrende und stark erotisch gefärbte Träume des eigenen Todes. Selten kommen Kommentare vor, die über das reine Festhalten der Träume hinausgehen und lockere Bezüge zum vergangenen Tag oder denkerischen Prozessen herstellen.
Der Arzt und Literat Arthur Schnitzler führte sein Tagebuch über 52 Jahre bis kurz vor seinem Tod nahezu täglich. Er las die Aufzeichnungen immer wieder und wählte verschiedene thematische Auszüge, die er seiner Sekretärin zur Abschrift diktierte. Darunter sind die Träume, die er regelmäßig nach dem Aufwachen notiert hat.
Station 5: Kempowski
In seinem Werk Das Echolot hat Walter Kempowski (1929 – 2007) Auszüge aus biografischen Schriften zusammen mit Fotografien weitgehend unbekannter Personen zu einem kollektiven Tagebuch arrangiert. Zur Sortierung des Materials entwickelte Kempowski aus der individuellen Arbeitslogik heraus ein komplexes Filtersystem in Form von thematisch angelegten Ordnern und Mappen. In den Originalen finden sich handschriftliche Bearbeitungsspuren, die den Weg bis in die Druckfassung erahnen lassen.
Station 6: Zinzendorf
Nikolaus Ludwig von Zinzendorf nutzt sein eigenes Losungs-Exemplar von 1754 während einer London-Reise für persönliche, stichwortartige Tageseinträge. Diese formuliert er in seinem Special=Diarium aus, das seinen engsten Glaubensbrüdern zugänglich ist und die Grundlage bildet für das handschriftlich vervielfältigte deutsche Diarium des Jüngerhauses sowie das englische London Congregation Diary.
Station 7: Kessler/ Mann
Die Tagebücher Harry Graf Kesslers beeindrucken durch Umfang – sie erstrecken sich ohne größere Unterbrechungen von 1880 bis 1937 und füllen über 10 000 handschriftliche Seiten in 57 Bänden. Je nach jeweils vorrangiger Beschäftigung Kesslers variiert die Gestaltung – während seiner Zeit als Politiker in der Weimarer Republik sind zahlreiche Zeitungsartikel eingeklebt; In den Jahren 1909 bis 1912, als er ein bedeutender Kunstmäzen ist, sind Fotografien ins Tagebuch integriert, sodass das Tagebuch selbst zum (Gesamt-)Kunstwerk wird.

Thomas Mann begann während seiner Schulzeit, Tagebuch zu schreiben und führte es bis zu seinem Lebensende fort. Vollständig überliefert sind die Tagebücher ab dem Frühjahr 1933; die früheren Notizen verbrannte er 1945 bis auf wenige Auszüge. Er benutzte durchgängig dasselbe Heftformat und schrieb die Eintragungen meist abends am Schreibtisch mit Tinte nieder. In den jeweiligen Einträgen stehen Begebenheiten aus dem weltpolitischen Tagesgeschehen unmittelbar neben Befindlichkeiten und alltäglichen Vorkommnissen aus dem privaten Umfeld.
Zwölf - wie die zwölf Monate eines Jahres.









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