Die sieben Tagebuchgeschichten

Eine Einführung in die Ausstellung, 1. Teil

AusstellungsansichtDas Tagebuch eines ermordeten Mädchens wird weltberühmt. Eine Bloggerin entdeckt die versteckten Tagebuchaufzeichnungen ihres Großvaters auf Brennholzscheiten. Die Fälschung eines Mädchentagbuchs sorgt in der psychoanalytischen Gemeinde der zwanziger Jahre für Wirbel. Ein Fotograf versteckt in einer Studiokamera sein heimlich geführtes Tagebuch, während er auf die Genehmigung seiner Ausreise aus der DDR wartet. In sieben Kabinetten verfolgen wir die Geschichte von sieben Tagebüchern und Blogs von ihrer Entstehung bis zu ihrer Veröffentlichung.
Ausstellungsansicht: Die Tagebuchgeschichte der Anne Frank im Hintergrund.
Das Tagebuch der Anne Frank ist vielleicht das berühmteste Tagebuch der Welt. Wer hätte noch nicht von dem Mädchentagebuch gehört, das die in Frankfurt geborene Anne in ihrem Versteck in Amsterdam führte. Kaum jemand weiß jedoch, dass es nicht ein sondern mehrere Tagebücher gibt, die von Anne selbst zur Veröffentlichung vorbereitet wurden, oder welche Umstände das Tagebuch der Anne Frank so weltberühmt gemacht haben. Ab Juni 2008 wird übrigens die deutsche Schreibmaschinenabschrift der Tagebücher gezeigt, die Annes Vater 1945 für die Großmutter anfertigte.
Ausstellungsansicht: Die Tagebuchgeschichte zu Andreas Dieners Online-Journalen
Als Andrea Diener im Mai 2000 ihr Online-Tagebuch Reisenotizen aus der Realität startete, kannte sie den Begriff Weblog noch gar nicht. Während sie Anfangs jeden Monat noch sie eine neue Internetseite für ihre täglichen Einträge bastelte, zog sie 2001 in eine Blog-Software um – ein technischer Wechsel, der auch inhaltliche Auswirkungen hatte. Im Rahmenprogramm der Ausstellung bietet Andrea Diener einen Workshop zum Schreiben in Blogs an.
Ausstellungsansicht: Die Taegbuchgeschichte von Dietmar Riemann
Der Fotograf Dietmar Riemann begann sein Tagebuch 1986, als er sich entschied, die DDR zu verlassen. Die Genehmigung seines Ausreiseantrags zog sich über drei Jahre hin, eine Zeit, die er heimlich in Text und Bild dokumentierte. Solch kritische Aufzeichnungen waren gefährlich, Riemann musste heimlich fotografieren und seine Tagebücher verstecken, bevor er sie von Freunden über die Grenze schmuggeln ließ.
Kiste mit Tagebuchhölzern von Hans Gröner.
Im November 2006 berichtet die Bloggerin Anke Gröner von dem unerwarteten Fund einer Kiste gefüllt mit „Tagebuchhölzern“ ihres verstorbenen Großvaters Hans Gröner. Dieser hat über Jahre hinweg kurze Nachrichten auf Brennholzklötzen hinterlassen und überließ es offenbar dem Zufall, ob seine Notizen verbrannt oder gefunden werden. Warum er auf diese Art und Weise Notizen hinterlassen hat und an wen sie gerichtet waren, ist ungeklärt, doch durch die Veröffentlichung der Bloggerin hat der ‚Logger’ unerwartet Gehör gefunden.
Ausstellungsansicht: Die Tagebuchgeschichte zu Hermine Hug-Hellmuth
1919 löste das „Tagebuch eines halbwüchsigen Mädchens“ eine heftige Debatte unter Psychoanalytikern aus. Einige feierten das Tagebuch als Meilenstein der Forschung, andere jedoch bezweifelten seine Echtheit. In der dritten Auflage bekannte sich die Freud-Schülerin Hermine Hug-Hellmuth zur Herausgeberschaft, beteuerte aber seine Echtheit. Wer das Tagebuch wirklich geschrieben hat, blieb bis zu ihrem tragischen Tod 1924 und darüber hinaus ein Rätsel.
Rainald Goetz
Vom Februar 1998 bis Januar 1999 veröffentlichte Rainald Goetz auf einer Webseite mit dem Titel „Abfall für Alle“ alltägliche Erlebnisse, Medienbeobachtungen und poetische Überlegungen. Was heute wenig spektakulär erscheint war damals Pionierarbeit im Bereich des literarischen Online-Tagebuchs. Hier wie auch in seinem aktuellen Tagebuch Blog „Klage“ (2007/08) wirft Goetz die Frage auf, in welchem Medium Gegenwart dargestellt und verschriftlicht werden kann.
Ausstellungsansicht: Hinten die Tagebuchgeschichte zu Joseph Goebbels, vorne Elsa Seefahrts Podcasts
Joseph Goebbels hat von seinem 26. Lebensjahr bis zu seinem Tod Tagebuch geführt. Zunächst haben seine Aufzeichnungen privaten Charakter, doch als aktiver Nationalsozialist beginnt Goebbels verstärkt auch politisch-ideologische Themen in seinen Tagebüchern zu beschreiben. Angesichts der drohenden Niederlage Deutschlands im Zweiten Weltkrieg lässt Goebbels ab November 1944 das gesamte Tagebuchmaterial mit dem neuen Verfahren der Mikrofichierung auf Glasplatten sichern. Diese Glasplatten galten als verschollen, bis sie 1992 in Moskau wieder entdeckt wurden.

Sieben - wie die sieben Tage der Woche.

3 Kommentare

schocan meinte am 26. März 2008 um 15:59

ich war heute in der Ausstellung und war echt beeindruckt, wieviel Material da zusammengetragen wurde. Viel zu lesen, vielleicht zu viel für einen Vormittag.
Die Geschichte von Herrn Riemann hat mich irgendwie am meisten beeindruckt...
Besucher meinte am 12. Mai 2008 um 20:16

Ein sehr informativer Text über die Erforschung von Tagebüchern

Kleine Korrektur Hermine Hug-Hellmuth starb 1924 - und nicht 1927. Dass der Tod tragisch war, stimmt allerdings: Sie wurde von ihrem 18-jährigen Neffen Rudolf Hug ermordet.
Tine Nowak meinte am 19. Mai 2008 um 00:50

korrigiert - vielen dank!