Lebensspuren

Das Deutsche Tagebucharchiv feiert seinen 10. Geburtstag mit einer Wanderausstellung

Gerhard Seitz, Kurator der Ausstellung, am Vitrinenschrankvon Christiane Holm

Am 14. Januar ist das Deutsche Tagebucharchiv 10 Jahre alt geworden und es feiert seinen inzwischen auf über 5.000 Exemplare angewachsenen Bestand mit der vielgesichtigen Ausstellung Lebensspuren.
Während die Sammlung bekanntlich ihren festen Sitz im Alten Rathaus von Emmendingen hat, beginnt die hauseigene Ausstellung ihren Lauf im Neuen Rathaus und wird Ende des Monats weiter nach Konstanz und Karlsruhe wandern. In einem Informationsportal ist die rasante und keinesfalls abgeschlossene Entwicklung des Archivs aus der beherzten Initiative des Teams um Frauke von Troschke und Rosemarie Werdnik anhand eines Fernsehporträts aus der Gründungsphase (1998) sowie einer aktuellen Bildschirmdokumentation (2008) nachvollziehbar.
Gerhard Seitz, Kurator der Ausstellung, am Vitrinenschrank
Die Ausstellung besteht aus locker gefügten Schautafeln und Buchvitrinen mit Originalen sowie einem Schubladenmöbel, aus dem einzelne Tagebücher unter Glas herausgezogen und näher betrachtet werden können. Dieser Vitrinenschrank mit dem Tagebuch-Thema „Etwas Neues beginnt…“ ist das Herzstück der Ausstellung. Hier erhält man einen besonderen Zugriff auf ausgewählte Bestände des Archivs, indem man selbst wählen und den Blick zeitweise auf ein Einzelobjekt konzentrieren kann.
Tafel zu Carla B., geb. 1910: „Ich bin betagt, aber nicht umnachtet“, so das Credo der Tagebuchschreiberin.
Nach demselben Prinzip funktionieren auch die Tafeln. Nach einer Einführung in zentrale Motive des Tagebuch-Schreibens kann man seinen Parcours frei durch acht ausgewählte Tagebuchwerke wählen. Die geschlossenen Tafeln zeigen jeweils ein großformatiges Bild aus dem Kontext des Tagebuchs, meist ein Porträt, mit einer pointierten Selbstbeschreibung. Wie ein Buch Tafel zu Carla B., geb. 1910: Nachdem sie ihr bisheriges diaristisches Lebenswerk an das DTA und damit der Öffentlichkeit übergeben hat, liefert sie ihre aktuellen Bücher, – vergleichbar einem Weblog – zeitnah nach.lassen sich die dreiteiligen, triptychonähnlichen Tafeln aufklappen, um Einblick in eine komprimierte Auswahl von Zitaten aus dem jeweiligen Tagebuchwerk zu geben. Diese Leseeindrücke lassen sich in einer Hörstation mit längeren Passagen aus den ausgewählten Tagebüchern vertiefen. Zu sehen, zu lesen und zu hören sind Tagebücher seit dem 19. Jahrhundert bis in unsere Tage: ein Reisender auf Brautschau, eine selbstzweiflerische Pubertierende, ein Soldat an der Ostfront, eine kriegsverwitwete Gärtnerin, eine lebensfreudige Alte in betreutem Wohnen, eine politische Aktivistin, ein ausreisender DDR-Bürger, ein unglücklicher Kranführer. Die eingangs aufgeworfene Leitfrage nach den Motiven und Funktionen des Schreibens wird durch jede Tagebuchpersönlichkeit ganz eigen beantwortet. Im Zentrum stehen die so genannten ‚Ich-Funktionen’ wie die Erinnerung, die Katharsis, die Denkhilfe, die Selbstanalyse, die Selbsthypnose aber auch die Faszination am Schreiben als solchem.
Besucher der Ausstellung
In dieser sorgfältig gestalteten Ausstellung bildet sich auch der besondere Stil des DTAs ab: Die viel gestellte Frage, ob man fremde Tagebücher zeigen darf, ob das nicht voyeuristisch ist, was man da tut, kommt gar nicht erst auf in der Art und Weise, wie sie gezeigt werden. Es ist diese besondere Mischung aus archivarischem Umgang mit dem Buch, der jedem Exemplar die gleiche Aufmerksamkeit widmet, und den durchaus persönlichen Umgangsformen mit den Buchpersönlichkeiten, eine Form von Interesse am Gegenüber, die nicht übergriffig wird, weil sie auf Respekt basiert.
Hörstation
En passant richtet die Ausstellung eine persönliche Frage an jeden Ausstellungsleser: „… und was war mir heute wichtig?“ Ich für meinen Teil kann erwidern: Blättern im Leben!

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